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Green River, Utah, USA.

Die Bärenjagd

Bilder:

1. Die Jäger beten Kultobjekte an, während der Schamane Bären-Joik-Gesänge vorträgt und eine Bärenfelltrommel schlägt. (Elgström, 1913)

2. Der Bär kommt aus seinem Winterquartier.

3. Der Jäger setzt zum tödlichen Speerstoß an. (Ekman, 1910)

4. Der Hals des Bären wird von der Speerspitze durchbohrt. (Ekman, 1910)

5. Die Frauen versuchen das Bärenfell mit einem Pfeil oder einem Speer zu treffen. (Elgström, 1913)

Die Bärenjagd
 

Eine Erzählung der Tentipi-Mitarbeiterin Lena Grahn 

Das Licht der Morgendämmerung kroch über den Fichtenwald am Horizont. Als sich kurz darauf die Sonnenscheibe zeigte, schien der Himmel kurz aufzuflammen; die Winterlandschaft war in einen goldgelben Schein getaucht. Gegen dieses glühende Schauspiel zeichneten sich die dreieckigen Profile einiger mit Rentierfellen behangener Koten (lávvu) ab. Über den Rauchöffnungen der Behausungen, wo die Hitze von den brennenden Feuerstellen auf die Winterkälte traf, zitterte die Luft. Die Rene der kleinen Herde, die man in der Nähe des vorübergehenden Siedlungsplatzes zusammengetrieben hatte, scharrten im halbhohen Schnee nach der begehrten Rentierflechte.

Drüben bei der Quelle hatten in den Morgenstunden schon einige Besucher ihre Fußabdrücke im Schnee hinterlassen. Die weiße Pracht hatte sich am Vorabend wie eine makellose Decke auf die Überreste früherer Aktivitäten gelegt. Leilas Wasservorrat war zur Neige gegangen. Mit einem Ledersack in der Hand folgte sie den Spuren zur Quelle. Die eisige Kälte tat Leila in der Nase weh und trieb sie an. Auf ihrem Weg zurück zur Kote, deren Eingang zur aufgehenden Sonne hin ausgerichtet war, sah Leila den weiß aus der Rauchöffnung steigenden Rauch. Es war unverkennbar, dass sie vor Kurzem eine neue Schicht aus rohem Holz aufs Feuer gelegt hatte. Ganz in der Nähe standen die Männer des Wohnplatzes beisammen. Leila hörte Anspannung und Tatendrang in ihren Stimmen, als sie wieder in die heimelig warme Kote stieg.


Spannung lag in der Luft. Heute waren die Wärme und die Frauen in den Koten nebensächlich für die Männer. Niilas, Mihkkel und die anderen Jäger trafen die letzten Vorbereitungen für den schwierigen und gefahrvollen Jagdtag. Die traditionellen Riten hatten sie bereits sorgfältig ausgeübt. So wollten sie sicherstellen, dass ihnen bei der Begegnung mit dem Bären – dem intelligenten Tier mit der Kraft von zwölf Männern – das Jagdglück hold war. Gestern hatten die Männer um Opferfeuer aufgestellte Kultobjekte (sieidi) angebetet, während der Schamane (noaidi) Joik-Gesänge vortrug und eine mit Bärenfell bespannte Trommel schlug. Der Schamane hatte auch den Geist des Bären angerufen und um Erlaubnis zur Tötung gebeten.

„Nun müssen wir uns aber aufmachen“, rief Biera. Ággi, der erfolgreichste Jäger der Jagdgemeinschaft, schlug die Trommel, um Jagdglück zu verkünden. Währenddessen formierten sich die Männer nach genau festgelegten Regeln. Biera, der das Winterquartier des Bären entdeckt hatte, stellte sich mit angeschnallten Skiern an die Spitze des Zuges; in der Hand hielt er den Stock mit dem Messingring, der vor bösen Kräften schützen und so zu Jagdglück verhelfen sollte. Hinter ihm folgte Ággi. An dritter Stelle kam Niilas, der auserkoren worden war, den Bären zu töten.

Als sich die Männer in Bewegung setzten, stieg der Dampf ihrer Atemluft wie kleine Rauchwolken zum Himmel. Auf der Skiwanderung zum Winterquartier des Bären handelte jedes Gespräch von dem Tier, das bald erlegt werden sollte.
„Wie kann ein lebendiges Wesen nur so lange schlafen, ohne zu essen oder zu trinken?“, erstaunte sich Biera.
„Ich verstehe es auch nicht“, meinte Ággi. „Aber wenn der Bär irgendwann im Harschschneemonat (cuoŋománnu) aus seiner Höhle kommt, ist er ja ganz mager.“
„So schwer zu begreifen, ist das nun wirklich nicht! Wir wissen doch, dass Fjellgroßvater dann zeitweilig die irdische Welt verlässt und sich in der Welt der Götter aufhält. Dort braucht der Körper schließlich nicht so viel Nahrung“, warf Ánde ein.

Auf der Wanderung zur Bärenhöhle wurde vor allem von den magischen Kräften und vom Blut des getöteten Tieres gesprochen, das alle Jäger bald zu trinken bekämen, um sich seinen Mut und seine Kraft einzuverleiben.


Zu Hause am Wohnplatz hatte der neue Tag fast alle munter gemacht. Nur die alte Elle blieb auf ihrem dicken, isolierenden Lager aus Fichtenreisig und Rentierfellen liegen. Sie war zu krank und zu schwach, um aufzustehen. Elles Füße steckten in wärmenden Ledersäcken, und sie war mit molligen Renkalbfellen zugedeckt. Leila, die Frau von Biera, der die Bärenhöhle gefunden hatte, ging emsig den morgendlichen Pflichten nach. Die kleine Innga wollte bald gestillt werden, und Leila musste sich selbst eine Morgenmahlzeit fertig machen: ein Stück getrockneter Hecht, Rentierfleischbouillon und ein Klacks von dem vitaminreichen Brei aus gehacktem Lappländischem Sauerampfer und Rentiermilch. Den Brei hatte Leila im Sommer zubereitet und bewahrte ihn jetzt in einem Fässchen auf, das sie in die Quelle herabgelassen hatte.

Die mit Steinen eingefasste, rechteckige Feuerstelle (árra) in der Mitte der Kote und die beiden Stämme, die zwischen die Feuerstelle und den Eingang gelegt worden waren, unterteilten die Behausung in zwei „Zimmer“. In der „Vorstube“ zwischen den Stämmen wurde ein kleiner Holzvorrat aufbewahrt. So wie jeder Gegenstand auf der begrenzten Fläche des Zeltes seinen speziellen Platz hatte, verfügten auch Leila und Biera über ihren je eigenen Stammplatz. Die vom Eingang aus gesehen rechte Fläche direkt beim Küchenbereich (boaššu) war Leilas Wirkungskreis. Hier hatte sie an den äußersten Rand der Kote ihr zusammengerolltes Nachtlager gelegt, um mehr Platz für die Verrichtungen des Tages zu haben. Daneben stand der kleine Kasten (giisa), in dem Leila ihre persönlichen Dinge aufbewahrte.

Die kleine Innga war schon eine ganze Weile wach gewesen und hatte zufrieden brabbelnd in ihrem Kinderbettchen gelegen. Ihre Wiege (gietkka) aus Holz und gegerbtem Rentierleder war oben am Zelt befestigt. Torfmoos auf dem Boden des Bettes hielten das Kind trocken. Jetzt klang das Mädchen plötzlich ungeduldig.
„Willst du nicht mehr liegen?“, fragte Leila mit sanfter Stimme. „Willst du lieber bei ieddne sein? Du brauchst nicht mehr in der Wiege zu bleiben, du hast sicher Hunger.“
In Leilas Arm drehte das Mädchen seinen Kopf gleich zum warmen Körper der Mutter. Leila legte Innga an – sofort war das Schlucken des Kindes zu hören, das hastig die warme Milch trank.

Während sie ihre Tochter stillte, kochte Leila weiter. Über dem Feuer in der Mitte der Kote hing ein Topf mit Rentierfleischbrühe. Leila wollte in die Bouillon ein wenig von der köstlichen roten Waldkiefernrinde mischen, die sie und ein paar andere Frauen im Sommermonat (geassemánnu) gesammelt und in einer überdeckten Kochgrube im Boden geröstet hatten. Leila streckte sich vorsichtig Richtung Küchenbereich, der hinter der Feuerstelle auf der Rückseite der Kote lag, und griff nach dem Ledersäckchen mit der Rinde. Einhändig nahm sie etwas Rinde aus dem kleinen Sack und legte sie in die dampfende Brühe. Die rohen Holzscheite, die Leila vor dem Gang zur Quelle zum Trocknen auf das konzentrierte Feuer gelegt hatte, waren inzwischen nach unten gesackt und mit neuen Schichten aus rohem Waldkiefernholz bedeckt worden. Die Flammen reckten sich gierig zu den nun trockenen Kloben und leckten an ihnen, bis sie Feuer fingen. Kurz darauf begann die Bouillon zu kochen.

Beim morgendlichen Hantieren gingen Leilas Gedanken immer wieder zu Biera und den anderen Männern in der Jagdgesellschaft. Für die Frauen des Wohnplatzes war der Jagdtag voller Spannung und Erwartung, er war aber auch von einer gewissen Unruhe geprägt. Würde es den Männern gelingen, den Bären zu erlegen, ohne dass einer von ihnen zu Schaden kam? Dass die Frauen an vielen Riten nicht aktiv teilnehmen, den Jägern nicht folgen oder bei der Verwertung des Bären und der Zubereitung des Fleisches nicht anwesend sein durften, gehörte zu den Bräuchen und Regeln, die niemand infrage stellte. Leila wusste, dass sie bei den Ereignissen der kommenden Tage ihrer traditionellen Rolle gerecht werden könnte.


Inzwischen waren die Jäger beim Winterquartier des Bären angelangt, einem Hohlraum zwischen zwei großen Steinblöcken. Vorsichtig umringten sie die Stelle, während Biera sich zum schlafenden Bären schlich und ihn mit seinem Speer anstieß. Keine Reaktion.
„Fester“, ermahnte Ággi. „Wir dürfen den Bären nicht erzürnen, indem wir ihn halbschlafend herausfordern.“
Biera stieß das Tier erneut an. Nun bewegte es sich ein wenig.
„Nochmal“, sagte Ággi.
Nilaas, der Mann, der den Bären niederstrecken sollte, hielt sich mit seinem Speer bereit. Der Schaft der Waffe stand auf dem Boden, wobei Nilaas die Spitze mit seinem Körper verbarg. Sobald der Bär angreifen und sich auf die Hinterbeine stellen würde, würde Nilaas die Speerspitze bloßlegen und das eigene Gewicht des Tieres die blutige Arbeit verrichten lassen. Wenn alles nach Plan lief, würde die Spitze der Waffe die breite Brust des Bären oder seinen Hals durchbohren, während Nilaas sich durch einen Sprung seitwärts in Sicherheit bringen würde.

Nun kam richtig Leben in den Bären. Biera stieß ihn wieder an – dieses Mal mit voller Kraft – und machte dann ein paar schnelle Schritte vom Tier weg. Knurrend stellte sich der Bär auf seine noch etwas wackeligen Beine. Die Männer waren hoch konzentriert. Ihnen stand eine gefährliche Aufgabe bevor. Bewegungslos richteten sie den Blick starr auf das heilige Beutetier.


Zur gegenwärtigen Zeit, im Neujahrsmonat (ođđajagimannu), waren die Tage kurz. Die Sonne mit ihrem bleichen Winterlicht verschwand allmählich hinter dem Bergrücken. Die Frauen des Wohnplatzes hatten ihre besten Kleider angezogen. Ungeduldig wartend saßen in einer der Koten Ánne, Máret und mehrere andere Frauen auf weichen Rentierfellen, die über der dicken Fichtenreisigschicht auf beiden Seiten der Feuerstelle ausgebreitet worden waren. Die seitlich aus dem Fichtenreisigpolster herausragenden Zweigenden wurden von den beiden Stämmen fixiert, die sich zwischen Feuerstelle und Eingang erstreckten. Die Stämme leiteten kalte, sauerstoffreiche Luft zum Feuer, das knisternd brannte und den Raum erhellte und erwärmte. Immer wieder nahm eine der Frauen ein paar der Holzscheite, die auf dem nackten Boden zwischen den Stämmen aufgeschichtet waren, und legte sie auf das Feuer. Während der Rauch sich zur Rauchöffnung hinaufwand, schufen die Flammen diffuse Schattenspiele an den Wänden zwischen den schlanken Fichtenstangen des Zeltskeletts. Dort, wo sich die Stangen an der Spitze der Kote trafen, fand der Rauch seinen Weg hinaus in die klirrende Winterkälte.

Die Erlenrinde war fertiggekaut und lag im Küchenbereich hinter der Feuerstelle bereit.
„Hoffentlich ist alles gut gegangen, und keiner ist dem Zorn des Bären zum Opfer gefallen“, sagte Máret.
„Ach, die Bärenjäger wissen, was sie zu tun haben, um sich selbst und uns hier zu Hause zu schützen“, redete Ánne sich selbst und den anderen gut zu. „Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen.“
„Ich bin einfach unruhig, bis die Männer wieder zurück sind und ich mit eigenen Augen sehen kann, dass alle wohlauf sind“, erwiderte Máret.
„Pst! Ich höre etwas“, brach es aus Leila hervor, der Frau des Jägers, der das Winterquartier des Bären entdeckt hatte.
In der Ferne hörten die Frauen Männergesang. Die Jagdgesellschaft war im Anmarsch!
„Die Erlenrinde, wo ist die Erlenrinde?“, rief Ánne in aufgeregter Erwartung.
Der Gesang wurde immer lauter, und die Frauen steckten sich Rinde in den Mund. Als Bärenerleger kam Niilas der Tradition gemäß durch die boaššu-Öffnung gekrochen. Sofort regnete es Erlenrinde auf ihn. Sogar die beiden Hunde, die Niilas begleiteten, wurden von den Frauen respektvoll mit Rinde bespuckt.


Der vierte Tag des Bärenfestes hatte begonnen. Das Fleisch, das die Männer gekocht hatten, war fast aufgegessen. Der Vorderteil des Tieres war traditionsgemäß den Männern zugefallen. Den hinteren Teil, in dem die bedrohliche Macht des Tieres nicht so stark ist, hatten die Frauen bekommen. Während der Festtage hatten alle Männer, von den Frauen getrennt, in der Schlachtkote geschlafen.

Ánne hatte in den vergangenen Tagen oft zu Niilas geschaut, dem Jäger, dessen Speer das große Bärenmännchen durchbohrt hatte. Er war ein attraktiver Mann, fand sie, und mutig war er obendrein. Ein paar Mal bemerkte Niilas, dass Ánne ihn ansah – und erwiderte ihren Blick. Jedes Mal kribbelte es Ánne in der Magengegend.
„Morgen werde ich alles tun, um das Bärenfell zu treffen“, sagte Ánne zu Leila, die neben ihr am Feuer saß.
Leila schaute sie amüsiert an; sie ahnte, was in der jungen Frau vorging.

Nach dem Verzehr des Fleisches waren die Knochen des heiligen Tieres sorgfältig eingesammelt und wie beim lebendigen Tier in eine mit Fichtenzweigen ausgekleidete bärengroße Grube gelegt worden.

Das Bärenbegräbnis war zu Ende, und die Männer waren damit beschäftigt, das Bärenfell aufgespannt an einem Pfahl zu befestigen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Frauen nicht an den Bärenjagdriten teilnehmen dürfen. Aber jetzt standen endlich sie im Zentrum und konnten ihre Rolle bei den uralten Bräuchen erfüllen. Der Tradition entsprechend sollte die Frau, die das aufgespannte Fell als erste traf, den Mann ehelichen, der den Bären erlegt hatte. Wenn die Frau, die das Fell als erste traf, bereits verheiratet war, sollte ihr Mann den nächsten Bären des Stammes zur Strecke bringen.

Die Stimmung war ausgelassen. Máret kicherte begeistert, als man ihr einen Erlenspeer in die Hand drückte und die Augen verband.
„Ich hab doch sowieso immer Probleme beim Zielen“, lachte sie. „Wie soll das denn funktionieren, wenn ich nicht sehe, was ich mache?! Aber vielleicht klappt es mit verbundenen Augen ja umso besser.“

Nun war Ánne an der Reihe. Bevor ihr die Augen verbunden wurden, schaute sie zuerst zu Niilas und dann zu Leila. Die beiden Frauen lächelten sich kurz zu.

Als Ánne den Speer werfen sollte, sah sie vor ihrem inneren Auge, wie die Waffe durch die Luft flog und sich an der Stelle in das Fell bohrte, an der das Herz des Bären geschlagen hatte. Sachte hob sie den Speer über die Schulter. Mit einem triumphierenden Ruf warf sie die Waffe in Richtung der innerlich angepeilten Stelle.

ENDE


Diese fiktive Erzählung basiert auf Informationen über das samische Volkstum, die ich aus Online-Ressourcen zusammengetragen habe. Kontaktieren Sie mich doch, wenn Sie etwas Interessantes über die Bräuche und Traditionen der Sami zu erzählen haben: lena.grahn@tentipi.com